Ödön von Horváths Roman Der ewige Spießer, 1930 erschienen, ist eine scharf beobachtete Anatomie des kleinbürgerlichen Bewusstseins in der späten Weimarer Republik. In episodischer, zugleich nüchterner und ironisch zugespitzter Prosa verfolgt Horváth Figuren wie den geschäftstüchtigen Alfons Kobler, deren Sprache, Wünsche und moralische Ausflüchte eine ganze Gesellschaftsschicht entlarven. Zwischen ökonomischer Unsicherheit, erotischer Berechnung und politischer Ahnungslosigkeit entsteht ein literarisches Dokument jener Mentalität, die sich modern gibt und doch im Konformismus erstarrt. Horváth, 1901 in Fiume geboren und im vielsprachigen Raum der Habsburgermonarchie aufgewachsen, war ein präziser Chronist sozialer Masken. Seine Erfahrung kultureller Übergänge, seine Distanz zu nationalen Gewissheiten und sein Interesse an der entstellten Alltagssprache prägten auch diesen Roman. Wie in seinen Volksstücken untersucht er, wie öffentliche Phrasen private Verantwortung ersetzen und wie aus Gewöhnlichkeit historische Schuld erwachsen kann. Der ewige Spießer empfiehlt sich Lesern, die Literatur als Diagnose gesellschaftlicher Selbsttäuschung schätzen. Das Buch ist komisch, unbequem und erstaunlich gegenwärtig: Es zeigt, dass Spießigkeit weniger eine soziale Lage als eine Haltung ist. Wer Horváths kühle Genauigkeit entdeckt, gewinnt einen Schlüssel zum Verständnis der Zwischenkriegszeit und ihrer Nachwirkungen.
Bol PartnerDer ewige Spießer ist der erste Roman von Ödön von Horváth. Der sozial- und gesellschaftskritische Roman wurde 1930 abgeschlossen und erschien zunächst im Propyläen-Verlag, in dessen Theaterabteilung Arcadia zuvor auch schon Horváths Stücke veröffentlicht wurden. Episodenhaft und assoziativ erzählend, ohne eine durchgehende eigentliche Handlung zu haben, versucht der Roman anhand von Ausschnitten verschiedener Lebensläufe, die während der Weltwirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg in München spielen, den modernen Typus des deutschen Spießers zu charakterisieren. Ödön von Horváth (1901-1938) war ein auf Deutsch schreibender österreichisch-ungarischer Schriftsteller. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Stücke Geschichten aus dem Wiener Wald, Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline sowie durch seine zeitkritischen Romane Der ewige Spießer, Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit. Sozialpolitische Stoffe bilden den Kern von Horváths dramatischem Gesamtwerk. Als Ziel seiner Arbeit nennt er selbst die "Demaskierung des Bewußtseins". Anhand von Einzelschicksalen verarmter, perspektivloser Kleinbürger sowie von Frauengestalten in drastischer patriarchalischer Abhängigkeit zeichnet er Bilder einer entfremdeten und sozial deprivierten Gesellschaft.
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